espero 6
Libertäre Zeitschrift, Neue Folge
de Markus Henning, Jochen Knoblauch, Rolf Raasch, Jochen Schmück
„Für die Erde gilt Alarmstufe Rot“, zu diesem Ergebnis kamen unlängst Forscher:innen um den US-Ökologen William J. Ripple von der Oregon State University in ihrer im Fachjournal _BioScience_ veröffentlichten Weltklima-Studie. Denn, so die Wissenschaftler: „Die Menschheit befindet sich inzwischen eindeutig in einem Klima-Notfall“. Flutkatastrophen, Waldbrände, Hitzewellen – die globale Klimakrise lässt sich nicht mehr ignorieren. „Wir sind an einem Punkt angelangt“, so der US-amerikanische Öko-Anarchist **John P. Clark** in seinem _Kommentar_ zur vorliegenden Ausgabe der _espero,_ „an dem nicht nur das Gedeihen des Lebens auf der Erde, sondern auch sein Überleben nur möglich ist, wenn das System der Herrschaft zerstört und die natürliche Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.“ Was Clark unter einem System der „natürlichen Gerechtigkeit“ versteht, das erläutert er in seinem ebenfalls in dieser Ausgabe veröffentlichten Beitrag _Was ist Öko-Anarchismus?_. Und als ob die globale Klimakrise nicht schon verheerend genug wäre (von den Folgen der Corona-Krise und der mächtig ins Schlingern geratenen Weltwirtschaft ganz zu schweigen), tobt nun schon seit zehn Monaten in der Ukraine ein Krieg, wie man ihn in Europa in dieser menschenverachtenden Vernichtungswut seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Der terroristische Angriffskrieg, den Russland seit dem 24. Februar 2022 gegen die Ukraine führt, ist jedoch nicht nur ein imperialistischer Feldzug einer Großmacht gegen ein vermeintlich schwächeres Nachbarland, sondern es ist vor allem auch ein Krieg, den das Putin-Regime gegen die eigene Zivilgesellschaft führt. Trotz massiver staatlicher Repressionen ebben die Anti-Kriegs-Proteste in Russland nicht ab. Laut OVD, einer russischen Nichtregierungsorganisation, die eine [Statistik über politisch motivierte Verhaftungen](https://english.ovdinfo.org/) führt, wurden in Russland seit Kriegsbeginn über 19.300 Menschen wegen ihrer Opposition gegen Krieg und Putin-Regime verhaftet. Zudem sind inzwischen Hunderttausende Russen ins Ausland geflüchtet, um sich der Rekrutierung und dem Kriegseinsatz zu entziehen, und unter den verbliebenen russischen Soldaten und Rekruten, die sich nicht für Putins Großmachtfantasien an der Front „verheizen“ lassen wollen, kommt es immer häufiger zu Unruhen und Revolten. Krieg gegen das eigene Volk führt auch das islamistisch-faschistische Mullah-Regime im Iran. Seit dem 16. September 2022, dem Tag der Ermordung der jungen Kurdin Jina Amini durch die iranische Sittenpolizei, ist es landesweit zu Protesten gekommen, auf die das Regime mit aller Härte reagierte. So wurde in mehreren Städten gezielt in die Menge der Demonstrant:innen geschossen. Laut Schätzungen internationaler Menschenrechtler wurden bei der Niederschlagung von Demonstrationen bislang mehr als 470 Menschen von staatlichen Sicherheitskräften umgebracht, und 18.000 Regimegegner:innen wurden seit Mitte September in Foltergefängnissen inhaftiert. Ihre Proteste machen deutlich, dass es den Demonstrant:innen im Iran längst nicht mehr „nur“ um den Kopftuchzwang und um die Frauenrechte im Allgemeinen geht, sondern vor allem auch um das Ende der 43-jährigen Theokratie. Sowohl in Russland als auch im Iran steigen also Wut und Widerstandsbereitschaft der Bevölkerung gegen die herrschenden Diktaturen. Revolution liegt in der Luft. Mit Revolution als radikalem Mittel der Gesellschaftstransformation haben sich die Anarchist:innen in ihrer Geschichte schon immer intensiv beschäftigt. Und das nicht nur theoretisch, denn seit der Pariser Commune von 1871 hat es kaum eine sozialrevolutionäre Erhebung auf der Welt gegeben, für die sich nicht auch eine mehr oder weniger deutliche Präsenz von Anarchist:innen nachweisen ließe. Aber in nur wenigen Fällen, wie in der Russischen Revolution, speziell in der Ukraine in den Jahren 1917-1921, sowie in der Spanischen Revolution in den Jahren 1936-1939, war es den anarchistischen und verwandten libertären Bewegungen zumindest zeitweise möglich, ihre Konzepte auf praktische Machbarkeit hin zu überprüfen. Nach dem Sieg der Franco-Faschisten 1939 in Spanien, der das Scheitern der Spanischen Revolution militärisch-politisch besiegelte, mehrten sich innerhalb der internationalen anarchistischen Bewegung die Stimmen, welche eine selbstkritische Befragung des bis dahin bevorzugten Modells von Gesellschaftsveränderung und Revolution einforderten. Im Zuge dieser ideologischen Revision erreichte der anarchistische Diskurs über einige Jahrzehnte hinweg einen inhaltlichen Stand, der in vielem noch heute inspirierend wirkt. Exemplarisch hierfür steht **Rudolf Rocker** mit seiner Warnung vor mythologischen Überhöhungen revolutionärer Ansprüche. Er weist nachdrücklich darauf hin, dass eine Revolution nur dann etwas emanzipatorisch Neues schaffen kann, wenn dieses Neue schon zuvor im Denken, in den Beziehungen und im schöpferischen Tätig-Sein der Menschen konkret geworden ist und auf Bruch der Fesseln drä





